
Mal gucken
Josephine Gauck
304 Seiten
Paperback: 18,00 €
Roman
Malik Verlag
Mal gucken erhält von uns
Von Natur aus werden persönliche Schicksalsschläge selten mit etwas Gutem in Verbindung gebracht. Und doch verändern sie nicht zwangsläufig alles zum Schlechten. Josephine Gauck (ja, sie ist die Enkelin des elften Bundespräsidenten Deutschlands) erzählt in ihrem Reisebericht Mal gucken – Wie unsere Tochter uns half, die Welt mit neuen Augen zu sehen davon, wie es ist, unvermittelt aus dem alten Leben auszubrechen.
Ein Jahr lang von Ort zu Ort. Da die Sehkraft der jüngsten Tochter krankheitsbedingt nachlässt, begibt sich die Familie von Josephine Gauck auf eine lange Reise. Das Ziel des Gemeinschaftsprojekts: möglichst viele gemeinsame Eindrücke zu sammeln, solange das gemeinsame Erleben in diesem Umfang noch möglich ist. Das Ziel führt zu dem Entschluss, der Entschluss zum Aufbruch der Familie und der Aufbruch in viele verschiedene Länder mit unterschiedlichen Kulturen und Lebensweisen.
Mit im Gepäck: die Leserin bzw. der Leser. Sie reisen mit, sind fast immer dabei. Ganz nah an den beschriebenen Destinationen, und noch näher an den Gedanken und Gefühlswelten der Familie. Kindererziehung, Konflikte und das ständige gedankliche Vorausgreifen auf die Zeit nach der Reise: Wie geht es weiter? Wo kann ein neues Zuhause entstehen? Und wie sieht die Zukunft der Kinder aus? Das Gedankenkarussell lässt sich unterwegs nirgendwo abstellen.
Die Ungewissheit – der zentrale Gedanke des Buches – macht sich auch schnell im Alltäglichen breit. Nie ist es klar, ob ein Plan aufgehen oder ein Wunsch erfüllt wird. Jederzeit kann die Stimmung kippen – werden alle Spaß haben oder wird es ein Tag für die Tonne?
So oder so: Gar nicht erst aufzustehen, ist keine Option für die Autorin. Denn obwohl es für sie das perfekte Erlebnis nicht zu geben scheint, so ist die Einlassung auf das Ungewisse doch immerhin etwas. Eine Chance. Vieles von dem, was Josephine Gauck schildert, wirkt ehrlich und nachvollziehbar. Dafür bedarf es weder einer eigenen Weltreise noch einer Erkrankung im Familienkreis. Das Leben ist so!
Und so ist auch die Sehbehinderung der Tochter – der Auslöser für die Reise – selten das Thema, um das sich der Tagesablauf dreht. Sie ist da, aber sie definiert nicht alles. Die wohltuende Normalität der Schilderungen macht die Lektüre unaufgeregt und leicht. Die Freiheit, die das Reisen bietet, überwiegt.
Natürlich weckt das Buch auch die Reiselust: Kanada arbeitet sich auf der Wunschliste der Reisedestinationen seitenweise nach oben. Mal gucken ist ein berührendes, inspirierendes Buch, das vor allem durch Ehrlichkeit überzeugt. Es geht nicht darum, immer alles im Griff zu haben. Der Weg ist bei Josephine Gauck buchstäblich das Ziel.
Paulina Schwarzer







