
Der Magier im Kreml
Regie: Oliver Assayas
Mit Paul Dano, Jude Law, Alicia Vikander, Jeffrey Wright, Tom Sturridge
156 Minuten
Drama
LEONINE
Der Magier im Kreml erhält von uns
Ein Werk mit dem Titel „Der Magier“ ließe sich wohl am ehesten im Bereich Fantasy verorten. Die Situation ändert sich durch den Zusatz „im Kreml“ allerdings fundamental und verschiebt das Genre Richtung Politik. Doch der Film betont noch vor den ersten Bildern: „Die Personen, sowie ihre Meinungen und Äußerungen, sind frei erfunden.“ Dennoch ist der von Olivier Assayas („Personal Shopper“) nach einem Roman von Giuliano da Empoli inszenierte Thriller alles andere als reine Fiktion.
Eigentlich will der US-Journalist Lawrence Rowland in Moskau über einen russischen Schriftsteller recherchieren. Doch dann erhält der eine geheimnisvolle Einladung. Der mysteriöse Berater Wadim Baranow – hier scheint übrigens Wladislaw Surkow durch – ist von einem Artikel Rowlands so beeindruckt, dass er aus dem Nähkästchen plaudert. Dabei zeigt der Film in Rückblicken, wie Baranow in die Position gelangt, um als Magier im Kreml die Fäden in der großen Politik zu ziehen, sowie die direkten Auswirkungen.
Leider reißt der Film das Publikum nicht sofort mit, auch weil er zunächst eine gemächliche Gangart wählt. Das ist schade, weil die erzählte Zeitspanne beträchtlich ist. Diese reicht nämlich vom Ende der Sowjetunion bis zur russischen Invasion der ukrainischen Krim. Stoff gäbe es also reichlich. Dennoch verliert sich Olivier Assayas etwas zu sehr in den Anfängen von Wadim Baranow. Wie dieser die Frau seines Lebens als Möchtegern-Sängerin auf einer Party mit Performance-Akt – ein nackter Mann, der sich als Hund geriert – kennenlernt, ist im Kontext eines Polit-Thrillers gar nicht so spannend. Selbst die Darstellung eines Bombenattentats beeindruckt wenig, wenn es die – in gleich mehreren Szenen überpräsente – Erzählerstimme vorher ankündigt. Natürlich könnte der Film die Freundschaft Baranows mit einem Oligarchen im ersten Teil des Films nutzen, um diese dann in der späteren Hälfte zu problematisieren, wenn der Freund zum Ziel wird. Assayas nutzt aber diese Möglichkeit überhaupt nicht.
Doch nach dem Vorgeplänkel geht der Film dann doch richtig los – und zwar mit dem Auftreten eines wichtigen Akteurs: Wladimir Putin. Ab hier erlangt „Der Magier im Kreml“ endlich echte Thriller-Qualitäten. Wir erleben – rückblickend aus der Perspektive von Baranow – den Ein- und Aufstieg des ehemaligen Geheimagenten in Sachen große Politik. Dabei zeichnet Assayas zentrale historische Ereignisse packend nach. Hier punkten immer wieder die authentisch wirkenden Kulissen – vom Militärlager bis zur Oligarchenvilla. Leider spart der Film jedoch einige Ereignisse aus, von denen das Publikum wohl gerne mehr gesehen hätte. Eine stärkere Fokussierung auf die Putin-Jahre hätte insgesamt gutgetan.
Dass dieser Teil des Thrillers so gut und überzeugend funktioniert, ist auch einem Schauspieler zu verdanken: Jude Law. Das Maskenbildnerteam schafft es zwar, dass der Star aus Filmen wie „Der talentierte Mr. Ripley“ oder „Unterwegs nach Cold Mountain“ dem russischen Präsidenten durchaus ähnelt. Verwechseln würde man die beiden jedoch optisch nicht unbedingt. Das ändert sich aber, wenn Jude Law in Aktion tritt. Von der Körperhaltung und Mimik, bis zu kleinsten Gesten gelingt es dem US-Schauspieler, Wladimir Putin lebendig werden zu lassen – ganz so, wie wir ihn alle aus dem Fernsehen kennen. Das ist beängstigend gut.
Dagegen agiert Paul Dano („The Batman“) als Wadim Baranow zwar solide, bleibt aber insgesamt eine Spur zu blass. Das gilt auch für Alicia Vikander („Tomb Raider“), deren Rolle als Baranows – etwas exzentrisches und immer wieder durch die Handlung irrlichterndes – Love Interest Ksenia für den großen Handlungsbogen nicht besonders viel hergibt.
„Der Magier im Kreml“ ist nicht nur ein in historischer Hinsicht aufschlussreicher, sondern stellenweise auch guter Film mit einem herausragenden Jude Law, der jedoch an manchen Stellen den Fokus zu weit setzt und dadurch Potenzial verschenkt.
Ingo Gatzer







