
22 Bahnen
Regie: Mia Marien Meyer
Drehbuch: Elena Hell, Caroline Wahl
Mit Luna Wedler, Jannis Niewöhner, Zoë Baier, Sabrina Schieder, Laura Tonne, Luis Pintsch
Drama
97 Minuten
LEONINE
22 Bahnen erhält von uns:
Muss man ein Buch gelesen haben, bevor man die Verfilmung sieht? Muss ein Regisseur oder eine Regisseurin mehr aus einem literarischen Stoff herausholen als „nur“ die Wiedergabe der Geschichte in beeindruckenden bewegten Bildern? Darf man als Autor oder Autorin mit privilegierter Herkunft die Biografien benachteiligter Menschen erzählen? An diesen und anderen Fragen rund um Buch und Film von 22 Bahnen scheiden sich die Geister.
Tilda (Luna Wedler) ist gerade einmal Anfang 20 – und doch scheint sie sich mit ihrem eintönigen Leben bereits arrangiert zu haben. Zwischen Studium, Supermarktkasse und der Sorge um ihre kleine Schwester Ida (Zoë Baier) hat sie ihren festen Platz gefunden. Illusionen macht sie sich keine. Und die Chance, sich freizuschwimmen, sieht Tilda nicht. Die 22 Bahnen, die sie regelmäßig im heimischen Freibad zieht, müssen reichen. Zumindest so lange, bis Ida groß und nicht mehr auf die Unterstützung ihrer Schwester angewiesen ist. Denn einen Vater gibt es nicht, und der alkoholkranken Mutter ist der „normale“ Alltag längst entglitten.
Als Tilda eines Tages die Aussicht auf eine Promotion in Berlin erhält, öffnet sich ein Fenster der Möglichkeiten. Doch so groß die berufliche Chance auch ist, so abwegig erscheint ihr zunächst die Flucht aus ihrer tristen Lebensrealität. Da taucht plötzlich Viktor (Jannis Niewöhner) im Freibad auf. Er ist der Bruder von Ivan – einem Jungen, mit dem Tilda als Teenager befreundet war, bevor dieser tödlich verunglückte. Tilda fühlt sich zu Viktor hingezogen, doch gleichzeitig reißen alte Schuldgefühle wieder auf. Je weiter sich das Fenster der Möglichkeiten öffnet, desto deutlicher wird das Dilemma, in dem sie festzustecken scheint: Wie weit darf sie gehen, um dem vermeintlichen Schicksal zu entkommen? Und welche Opfer ist sie bereit zu bringen?
Auch ohne den Bestseller-Roman von Caroline Wahl gelesen zu haben, beeindruckt die Geschichte, die der Film erzählt. Das ist vor allem den beiden „Schwestern“ Luna Wedler und Zoë Baier anzurechnen – aber auch der ruhigen, präzisen Inszenierung von Mia Maariel Meyer. Es mag durchaus sein, dass mehr Gesellschaftskritik, mehr Mut und weniger Erwartbares der Geschichte zusätzliches Gewicht verliehen hätten. Doch „22 Bahnen“ ist nun einmal die Geschichte zweier Schwestern. Und zwar so, wie Caroline Wahl und Mia Maariel Meyer sie erzählen wollen: traurig, zugleich magisch, hoffnungsvoll und liebevoll. Wer kann dagegen etwas haben?
Rainer Tautz