Voehls Welt! Schwarze Kassen

Von Uwe Voehl. Illustration von Ullrich Tasche

Voehls Welt Februar 2011

Von Uwe Voehl. Illustration von Ullrich Tasche

„Muss man im „Lebenslang“ sitzen? – Nein, man kann auch stehen.“
Willy prustet. Ich fühle, wie sich eine Gänsehaut über meinen Körper legt. Karneval kommt immer so plötzlich. Vor allem diese Reden. Auch Willy muss eine halten. Sportvereine kennen keine Gnade.
„Gebt mir doch mal’n paar Vorlagen!“, jammert er, während wir am Tresen stehen. „Ich steh‘ sonst Montag völlig nackt da.“
„Ich hasse Büttenreden und Witze! Da werde ich zum Mörder…“, warne ich. Hüsni hat nicht zugehört, er blättert in der LZ. „Is unglaublich! Überall gibts wundersame Geldvermehrung…“ Hüsni ist ehemaliger Schränker (Einbrecher) – heute Möbelpacker. Schon vor der Finanzkrise hat er seinen ursprünglichen Job an den Nagel gehängt. Beim Thema Schränker und Bänker wird er immer noch wütend. „Früher du erkanntest Bänker an weiße Weste und Schränker an schmutzig Hände. Heute ham Bänker schmutzig Weste und schmutzig Hände. Und das Geld legen sie nicht mehr in Tresor, sondern auf schmutzig Konten.“
„Du meinst Schwarzkonten…“, erlaube ich mir, ihn zu verbessern. „Macht jedenfalls kein Spaß mehr, weil Tresore ständig leer.“
„Genau wie die städtischen Kassen. Und trotzdem ist noch Geld da. Zum Beispiel für den Kurpark…“
„Wisst ihr, was ein Kannibale ausruft, wenn er im Kurpark erstmals Rollstuhlfahrer und AOK-Shopper sieht?“, fragt Willi „Essen auf Rädern.“
Ich spüre leichten Brechreiz. Sagte ich das schon? Ich mag keine Witze. Da höre ich lieber Hüsni weiter zu: „Herforder Kirchenvermögen wächst weiter. Erbe bringt 750.000 Euro ein“, zitiert er aus der Landeszeitung. „Zusätzlich zu den fünfzig Millionen aus der schwarzen Kasse!“, betone ich. „Waren die denn alle blind?“
„Warum schaut der Lipper so oft über den Rand seiner Fielmann-Brille?“, kalauert Willi dazwischen. „Damit sie sich nicht so schnell abnutzt!“
„Mensch Willy“, sage ich. „Deine Witze haben doch alle solch einen Bart!“ Allmählich werde ich wütend. „Apropos Rand: Musst gar nicht so weit gucken, Hüsni. In Bad Salzuflen sind jetzt auch fünf Millionen Euro weniger Miese errechnet worden. Dafür schaltet man aber die Lampen bald wieder ab. Zwischen null und fünf Uhr. Da spart die Stadt 50.000 Euro.“ Hüsni rechnet im Kopf. „Mit fünf Millionen man könnte Lampen 100 Jahre brennen lassen…“
„Oder jedem gefährdeten Jugendlichen seinen eigenen Sozialarbeiter an die Seite stellen.“
„Oder aus ganz Lange Straße Bädermuseum machen“, schlägt Hüsni vor. „Türkisches Bädermuseum!“ Draußen fährt ein Krankenwagen vorbei. „Einen noch!“, bettelt Willi. „Kennt ihr die ungefährlichsten Täter? Die Sanitäter! Und wisst ihr, welche Schläge am tiefsten sind?“ „Tiefschläge?“ „Iwo. Die Schlaglöcher auf der Bahnhofstraße!“
„Stimmt“, sagt Hüsni. „Nix gut für mein Benz. Vielleicht reicht Stadt-Geld noch für Schlaglöcher.“
„Knallen zwei Mercedes Benz aufeinander. Was bedeutet das? Krieg der Sterne! …und wie ein kubanischer Auftragskiller seinen Geigenkasten nennt? Fidel Castro!“, kalauert Willy ungebremst. Ich habe zwar keinen Geigenkasten dabei, aber das Messer im „Lebenslang“ tut es auch.
„Weißt du, warum diese Klinge scharf sein muss?“, frage ich. Jetzt guckt Willy begossen aus der Wäsche. „Weil man so viel Stumpfsinn nicht länger erträgt!“ Natürlich steche ich nicht zu. Sonst säße ich. Nicht mehr im „Lebenslang“. Aber lebenslänglich. Und stehen könnte ich auch. Auf Kosten des Staates. Der hat übrigens auch kein Geld mehr. Helau!

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