Weniger ist mehr – Interview mit Thorsten Wiebusch

Foto Thorsten Wiebusch

Bäckerei-Inhaber Thorsten Wiebusch erklärt, warum weniger manchmal eben doch mehr ist. // Foto: ta

Die Wiebusch Bäckerei zählt zu den letzten ihrer Art in Bad Salzuflen. Im Verdrängungswettbewerb der vergangenen Jahrzehnte konnte sich das Unternehmen gut behaupten. Allerdings nicht durch eine inflationäre Ausweitung seiner Standorte, sondern durch individuelle Konzepte für jede einzelne Filiale. In diesem Jahr wird die Bad Salzufler Bäckerei in Knetterheide einen neuen Standort eröffnen, jedoch wird sie auch einen ihrer bekanntesten schließen. Inhaber Thorsten Wiebusch verriet uns, dass die Tage für die Wiebusch-Filiale im Marktkauf gezählt sind. Weniger ist manchmal eben doch mehr.

Hallo Thorsten, seit wann gibt es die Bäckerei Wiebusch in Bad Salzuflen?
Seit fast 80 Jahren. Mein Großvater Gustav und seine Frau Dora haben im Zweiten Weltkrieg in der Heldmanstraße 12 angefangen. Zuvor hatten sich die beiden auf ihrer Arbeitsstelle in der Bäckerei Sander in der Schlossstraße kennen- und lieben gelernt. Die Produktionsräume dieser Bäckerei gehören übrigens seit dem Jahr 2000 zu unserem Unternehmen. Nach dem frühen Tod meines Großvaters im Jahr 1968 hat mein Vater Klaus Wiebusch den Betrieb mit meiner Mutter Anita weitergeführt. Vorerst nur mit dem Ladengeschäft in der Heldmanstrasse und einigen Wiederverkäufern in den Ortsteilen. Im Jahr 1986 bot man meinem Vater die Vorkassenzone im Marktkauf an – mit nur drei Mitarbeitern in der Backstube war das damals eine große Herausforderung. Aber auch eine Chance für stetiges Wachstum. 1997 habe ich den Betrieb übernommen, mein Vater zog sich im Alter von 58 Jahren komplett aus dem Unternehmen zurück und ist seitdem Rentner.

Wie viele Standorte gibt es heute?
Wir haben sechs Verkaufsflächen in Bad Salzuflen. Zudem gehören einige der führenden Hotels in der Stadt, einige Gästehäuser und Gaststätten zu den treuen Geschäftskunden und -freunden. Wir beschäftigen derzeit 62 Mitarbeiter.

Wolltest du immer Bäcker werden?
Nein, das wollte ich nicht. Allerdings setzte meine Strebsamkeit erst nach der Schulzeit ein. Mit einem mäßigen Abschlusszeugnis der Mittleren Reife hatte ich nicht allzu viele Möglichkeiten. Es lag nahe, das Bäckerhandwerk zu erlernen. Hätte ich es mir damals aussuchen können, hätte ich irgendwas mit Zahlen gemacht. Steuerrecht hat mich immer interessiert.

Wie sieht dein Alltag heute aus?
Ich stehe heute zur selben Zeit auf wie viele andere arbeitende Menschen. Der Wecker klingelt um sechs: Früh genug, um meinen jüngsten Sohn für die Schule vorzubereiten. Arbeiten kann ich seit März 2016 nicht mehr. Nach einer missglückten Schulteroperation bin ich nicht mehr in der Lage, körperliche Arbeit zu verrichten. Ich erledige nur noch wenige administrative Aufgaben und trage in jeder Beziehung die Verantwortung für das Unternehmen. Zum Glück habe ich erstklassige Mitarbeiter –  sonst würde das nicht funktionieren.

Wie hat sich die Branche verändert?
Das Handwerk an sich ist ähnlich geblieben. Wir backen 2018 unser Brot mit dem gleichen selbstbezogenen Roggensauerteig, wie es schon mein Großvater und mein Vater getan haben. Allerdings sind viele Aufgaben hinzugekommen, um die sich die Vorgängergenerationen nicht kümmern mussten. Vor allem die verpflichtende Dokumentation nahezu sämtlicher Arbeitsschritte ist ein Riesenaufwand für uns. Und auch die Werbung, die neuen Medien und die geöffneten Sonntage machen das Leben nicht eben leichter. Hinzu kommen die Bake-Off-Selbstbedienungstheken in den Supermärkten, die uns Bäcker ähnlich stark belasten wie das Internet den stationären Einzelhandel.

Was bringt die Zukunft?
Das klassische Bäckereigeschäft, in dem hauptsächlich Brot, Brötchen und Kuchen zum Kauf angeboten werden, wird es in zehn Jahren nicht mehr geben. Von ehemals über dreißig produzierenden Bäckereibetrieben in Bad Salzuflen sind nur noch vier übrig geblieben.

Wie macht sich Wiebusch fit für die Zukunft?
Zum Beispiel mit dem neugestalteten Standort in der Langen Straße und mit der kommenden Filiale in Knetterheide. Hier verbinden wir den Verkauf von Backwaren mit der Gastronomie. Es gibt Frühstück bis zum Nachmittag, feine Kaffeespezialitäten und köstliche Kuchen in gemütlicher Atmosphäre bzw. auf sonnigen Außenterrassen. Von Standorten, die betriebswirtschaftlich keinen Sinn mehr machen, werden wir uns trennen. Daher verlassen wir den Marktkauf in der Hoffmannstraße zum 31. Juli.

Was passiert mit dem Wiebusch-Team aus dem Marktkauf?
Das kommt mit nach Knetterheide. Niemand muss arbeitslos oder freigestellt werden, denn den August benötigen wir ohnehin, um einzurichten und um die Technik vom Standort Marktkauf in den neuen Laden umzusetzen. Und im September wird definitiv geöffnet.

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