Voehls Welt: Paris in Lippe

von Uwe Voehl. Illustration von Ulrich Tasche

Ich sitze in meinem Büro, habe die Beine lässig auf den Schreibtisch gelegt und warte auf den nächsten Kunden. Er kommt in Gestalt einer Blondine. Entweder ist es Paris Hilton selbst oder ihre Zwillingsschwester.

„Sind Sie Marlowe“, fragt sie mit zuckersüßer Stimme. „Privatdetektiv?“

„Steht doch an der Tür!“, antworte ich und zeige nach draußen.

„Ich bin auf der Suche nach dem sparsamsten Lipper.“

„Da sind Sie hier falsch.“ Ich deute auf die Flasche Jack Daniels auf dem Schreibtisch. „Sieht der aus wie bei Aldi gekauft? Außerdem sind Sie hier in Bad Salzuflen. Uns fehlen wieder ein paar Millionen Gewerbesteuereinnahmen in der Stadtkasse. Anstatt durch Sparen, denkt man das durch andere Erhöhungen einzutreiben.“

„Ein paar Millionen? Wenn das Ihr Honorar ist: Abgemacht! Ich leide unter Verschwendungs- und Kaufsucht. Meine Psychiater und Finanzberater haben mir empfohlen, einen Lipper zu ehelichen. Also, was ist nun?“

„Okay“, sage ich und willige ein. Ich habe auch schon eine Idee, wo ich mit der Suche beginne – in Lage. „Sie bleiben!“, bestimme ich. „Ich bin mal kurz weg.“ Die geizigsten Lipper leben bekanntermaßen in der Zuckerstadt. Und der Allergeizigste von ihnen, Anton Kleinekämper, hat sein Häuschen am Gleisübergang an der B 239.

Ich treffe ihn beim Holzhacken im Garten. Ein riesiger Schäferhund stürzt sich mir entgegen.

„Keinen Schritt weiter, der frisst auch Menschenfleisch!“, warnt Kleinekämper. Klar, denke ich, da spart man das teure Dosenfutter.

Misstrauisch mustert er mich. „Was wollen Sie? Ich brauche nichts.“

„Auch keine Millionärin?“, locke ich ihn. Er führt mich ins Haus. Draußen rast ein Zug vorbei, das Haus bebt.

„Ich habe noch nie eine Uhr gekauft“, erklärt Kleinekämper. „Ich weiß auch so, wie spät es ist: Ich richte mich nach den Zügen. Die Fahrpläne werden zwar immer mal wieder aktualisiert, aber dafür spare ich die Tapeten.“

Tatsächlich sind die Wände mit Fahrplänen zugekleistert. Die Rollläden sind heruntergezogen. „Ich brauch keine Heizung“, betont Kleinekämper. „Viel zu teuer! Wozu gibt es Wollsocken?“

„Und die ganzen Kerzen? Sind die nicht auch teuer?“

„Dafür verschwende ich kein elektrisches Licht. Übrigens: Spekulieren Sie nicht darauf, dass ich Ihnen etwas anbiete. Ich habe weder einen Kühlschrank noch sonstige Schränke.“

„Und worin verwahren Sie Ihre Lebensmittel?“

„Wenn der Bauch knurrt, laufe ich über die Straße zum NETTO. Was soll ich mir hier Berge von verderblicher Ware anhäufen?“

„Und Ihre Familie?“

„Meine Frau ist vor ein paar Jahren stiften gegangen. Ich geb’s ja zu: Mein Leben ist etwas farblos. Und ´ne Putzfrau könnte ich auch gebrauchen. Die letzte ist nicht mehr gekommen, wegen der Wollmäuse.“

„Wollmäuse?“

„Sie hat sie aufgesaugt. Dabei kann man damit Matratzen stopfen.“

„Ich hätte da jemanden für Sie“, flüstere ich und zeige ihm das Bild der Klientin.

„Die ist zu schmächtig. Meine Idealfrau ist einsneunzig groß und wiegt hundert Kilo, damit ich sie zur Rübenernte schicken kann …“

Plötzlich spüre ich einen Schlag. „Guck mal, die Blondine da vorne an der Theke. Sieht die nicht aus wie Paris Hilton?“ Ich schrecke hoch. Statt bei Kleinekämper, hänge ich noch immer mit Herbert in der Kneipe rum.

„Nee“, sage ich. „Die ist zu schmächtig. Außerdem wiegt die bestimmt weniger als hundert Kilo …“

“Fehlt dir was?”, fragt mich Herbert besorgt.

„Ja, wegen dir Trottel wohnt Paris Hilton bis heute nicht in Lippe!“ Und wir in Bad Salzuflen haben immer noch ein weiteres Millionenloch im Haushalt!

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