Voehls Welt: Gefühlsecht!

Voehls Welt Januar 2012

Von Uwe Voehl. Illustration von Ulrich Tasche.


Unsere Stadtverwaltung will weitere 1.500 LED-Lampen für die Straßenbeleuchtung anschaffen. Nicht alle Bürger sind mit dem neuen Licht zufrieden. Aber, so die Stadt: „Alles nur subjektiv. Die Nörgler werden sich mit der Zeit daran gewöhnen.“

„Finde ich toll“, meint Günni in unserer wöchentlichen Stammtischrunde. „Das hat schon fast buddhistische Tiefe. Der historische Buddha sprach: ‚Es ist unser Geist, der die Welt erschafft.‘ Nach dieser Sichtweise ist es nur unsere Wahrnehmung, die sich an den neuen Birnen stört. Und auch der Dalai Lama sagt: ‚Die Wurzel aller Probleme besteht darin, dass wir alles nur subjektiv wahrnehmen.‘ Oder noch deutlicher: ‚Warum über etwas bekümmert sein, dem man nicht abhelfen kann?‘“

„Also wie Tag und Nacht, Frühjahr und Herbst? So gesehen schlittern wir in Bad Salzuflen wohl auf die Eiszeit zu, ohne es ändern zu können?“, frage ich düster.

„Andererseits“, nimmt Fee den Faden wieder auf, „was heißt schon subjektiv? Genauso kann man fragen: Wo hört echt auf und fängt gefühlsecht an? Wisst ihr, dass die ersten Kondome aus Tierdärmen bestanden? Da wird Frau ihre helle Freude dran gehabt haben…“
„Na, und Mann ja wohl auch!“, ergänze ich.

„Sofern überhaupt jemand noch was merkte. Aber nach ein paar Jahrhunderten hatte man sich daran gewöhnt. Wie bei den LED-Leuchten.“

„Seid froh“, sagt Günni, „dass besagter Stadtbediensteter nicht noch rigoroser den Buddhismus verinnerlicht hat. ‚Das wirkliche Wesen des Geistes ist Licht; Verdunkelung kann nur vorübergehend erscheinen.‘ “
„Hieße das: Laternen zappenduster, denn die Erleuchtung kommt von innen?“, frage ich nach. Günni nickt.
„In diesem Sinne schlage ich der Stadt noch weitere Einsparungen vor“, sage ich. „Die Not mit der Notdurft, weil es in Bad Salzuflen kaum noch öffentliche Toiletten gibt, lässt sich ganz subjektiv dadurch regeln, dass wir ganz Bad Salzuflen als öffentliche Toilette erklären. Übrigens völlig barrierefrei. Und apropos barrierefrei: Das als Baufirma getarnte Abbruchunternehmen, das das Gradierwerk mit dem Uhrenturm wiederherstellen sollte, hat ganze Arbeit geleistet. Komisch, wie schön jetzt der Platz wirkt und wie herrlich die bisher versteckten Gebäude des Salinenparks zur Geltung kommen – gerade jetzt, wo man doch Käufer dafür sucht! Ein Bombenleger, wer Böses dabei denkt.“

„Übrigens“, sagt Fee. „Der Uhrenturm steht doch jetzt gut da, wo er steht. Endlich muss man sich nicht mehr den Hals verrenken!“
„Ja, die Firma sollte man sich merken und für die nächsten „Instandsetzungsarbeiten“ buchen. Zum Beispiel für die marode Wandelhalle, die man schon lange loswerden will. Die Kurgäste werden sich daran gewöhnen, wetten? Statt der Wandelhalle hängt dann dort eine Tafel: ‚Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?‘ sagt der Dalai Lama.“

„Is alles Unsinn“, meldet sich nun Hüsni zu Wort. „Wir haben Sprichwort, das sagt: ‚Seele verlässt Menschen, Gewohnheit aber nicht!‘ “

„Dann besteht ja noch Hoffnung!“, atme ich erleichtert auf. „Vor der Gewöhnung bewahrt uns die Gewohnheit!
Also werden wir uns auch im nächsten Jahr über Schlaglöcher und rote Welle, marode Schwimmbäder und Sportstätten, geschlossene Schulen, fehlende Jugendtreffs, Ramschverkauf historischer Gebäude, fehlende Kulturförderung, grelle LED-Leuchten und städtische Gewöhnungs-Verordnungen aufregen!“

„So ist es“, sagt der weise Günni. „Wenn die Wurzeln nicht vertrocknet sind, ist der Baum noch nicht tot.“

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