DVD-Check: Manchester By The Sea

Das Besondere dieses Films ist das Normale. In Manchester by the Sea werden einfache Menschen vor außergewöhnliche, tiefgreifende Herausforderungen gestellt. Doch anders, als es das amerikanische Popcorn-Kino üblicherweise gern vorsieht, wachsen die Protagonisten nicht über sich hinaus, sondern reagieren und lösen ihre Probleme auf eine unspektakulär menschliche Art und Weise. Oder sie scheitern …

Lee Chandler (Casey Affleck) lebt allein in Boston. Er arbeitet als Hausmeister und kümmert sich um die technische Instandhaltung diverser Mietwohnungen und Anlagen. Die persönlichen Begegnungen mit den Bewohnern – ganz gleich ob positiv oder negativ – lassen Lee ebenso gefühlskalt wie die Flirts, die ihm gelegentlich abends in einer Bar zufliegen. Eine angezettelte Schlägerei reicht ihm zur Wahrnehmung seiner Gefühlswelten völlig aus.

Vor seinem tristen Dasein in der anonymen Metropole Boston lebte Lee in dem malerischen Hafenstädtchen Manchester-by-the-Sea in Massachusetts. Und in dieses wird er eines Wintertages durch eine traurige Nachricht wieder zurückgerufen: Sein herzkranker Bruder Joe (Kyle Chandler) ist plötzlich verstorben.

Die Rückkehr in das nur rund 40 Kilometer entfernte Manchester-by-the-Sea erweist sich für Lee als Reise in die ungewünschte Vergangenheit. In zahlreichen Rückblenden wird seine Leidensgeschichte wieder aufgegriffen, die mit einer feucht-fröhlichen Feier begann, mit der Zerstörung der eigenen Familie ihren dramatischen Höhepunkt fand und noch immer nicht zuende erzählt worden ist.

Da Lee von seinem verstorbenen Bruder ungefragt zum Vormund des sechszehnjährigen Patrick (Lucas Hedges) bestimmt wurde, muss er sich seiner Vergangenheit stellen und, anders als zuvor in Boston, eine Idee von einer möglichen Zukunft entwickeln. Beeinflusst werden Lees Gedanken von den Plänen und Wünschen des heranwachsenden Neffen sowie von den Begegnungen mit seiner Ex-Frau Randi (Michelle Williams), die scheinbar erfolgreich ihren eigenen Weg aus der traumatisierenden Krise gefunden hat.

Manchester by the Sea schildert in perfekten Bildern, und sogar mit einem Schuss Humor, die Verletzlichkeit des Menschen und die Unvollkommenheit des Lebens. Dramatische Schicksalschläge können durch Kleinigkeiten ausgelöst werden und das Leben von einer Sekunde auf die nächste auf den Kopf stellen. Die Ursache oder gar Sinnhaftigkeit einer Tragödie im Nachhinein zu erkunden, ist zwecklos. Allein der Blick nach vorn, macht (irgendwann) wieder Mut, so getrübt er auch ist.

Völlig zurecht wurde Manchester by the Sea mit zahlreichen Nominierungen und Preisen überschüttet: Den Oscar erhielt der Film in den Kategorien Bestes Originaldrehbuch (Kenneth Lonergan) sowie Bester Hauptdarsteller (Casey Affleck).

(c) Universal Pictures Germany

Manchester by the Sea
Regie: Kenneth Lonergan (Reine Nervensache, You Can Count On Me)
Darsteller: Casey Affleck (Interstellar, Ocean´s Eleven, Ocean´s 12 & 13), Lucas Hedges (Grand Budapest Hotel), Michelle Williams (Brokeback Mountain, Blue Valentine, My Week With Marilyn), Gretchen Mol (Sweet and Lowdown, The Notorious Betty Page)
Genre: Drama
Laufzeit: 138 Minuten

 

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