Mitten in der Ruhezone: Interview mit Marco Gräfe

Foto Marco Gräfe

Marco Gräfe betreibt seit 20 Jahren sein Geschäft „Lipper Schusterbub“ in der Innenstadt. Wir haben ihn nach seiner Meinung zu den neuen Verkehrsregelungen gefragt. // Foto: ta

Seit 30 Jahren liegt Marco Gräfe seinen Kunden zu Füßen. Der Fachmann für orthopädisch angepasste Schuhe unterstützt mit individuellen Lösungen und eigens angefertigten Sohlen. Zu seinen Kunden zählen Sportler, aber auch Menschen, die schon im Alltag schlecht zu Fuß sind. Die aktuell geltende Verkehrsberuhigung der Innenstadt sieht Marco Gräfe kritisch. Wir haben ihn zu seiner Bewertung des Versuchsprojektes gefragt.

Hallo Marco, bevor wir natürlich über das Aufregerthema Innenstadt sprechen, kurz zu dir persönlich: Name, Alter, Beruf …
Sehr gern, seit 47 Jahren höre ich auf den Namen Marco Gräfe. Ich bin selbstständiger Schuhmachermeister und orthopädischer Schuhmachergeselle. Ich repariere Schuhe, passe Schuhe an und mache sogar Schuhe selbst. Als Einzelanfertigung auf Kundenwunsch.

Familienstand, Kinder, Hobbys …
Okay, okay. Ich bin glücklich verheiratet und Vater einer großartigen Tochter. Mit der ich übrigens meine Leidenschaft für den Handballsport teile. Sie spielt in der B-Jugend, ich in der Vierten von Handball Bad Salzuflen. Außerdem bin ich ihr Trainer.

Dein Geschäft Lipper Schusterbub zählt zu den festen Konstanten in der ansonsten sehr beweglichen Straße Am Markt.
Das ist sicher richtig. Seit 20 Jahren bin ich hier bereits zu finden. Eigentlich wollte ich das auch feiern, doch mit der Baustelle, die in den vergangenen Monaten den Zugang zu meinem Geschäft erschwert hatte, war mir das zu unsicher.

Aber jetzt ist ja alles gut.
Das stimmt. Die Stadt ist wirklich schön geworden. Man könnte darauf hoffen, dass wir die erheblichen Einbußen, die wir vor allem im letzten Jahr hinnehmen mussten, nun kompensieren können. Doch jetzt macht uns das neue Verkehrskonzept große Sorgen.

Womit wir beim Thema wären …
Richtig.

Was stört dich am meisten daran?
Wie viele meiner Einzelhandels-Kolleginnen und -Kollegen der Innenstadt ärgere ich mich vor allem über die Vorgehensweise und das Ungewisse. Wie ich schon angedeutet hatte, haben uns die Innenstadt-Baumaßnahmen in den vergangenen Jahren einiges an Substanz, Kunden und Kraft gekostet. Wir haben die Einbußen jedoch akzeptiert und mitgetragen. Auch, weil wir davon ausgehen durften, dass es nach der Baustellenzeit endlich wieder aufwärts gehen würde. Ohne Bagger und aufgerissene Straßen, dafür aber mit einer modernen, schönen Innenstadt. Nur wenige von uns können verstehen, warum ohne Not nun die komplette Innenstadt verkehrstechnisch stillgelegt werden soll. Wer hat das veranlasst? Wer hat sich das ausgedacht?

Es ist ja zunächst nur ein Versuch!
Bei dem es sicher nicht bleiben wird. Zudem stellt sich hier die Frage, warum hat man diesen Versuch nicht unternommen, bevor viele Steuergelder beispielsweise für neue Bushaltestellen in der Innenstadt ausgegeben wurden. Denn auch das bleibt zu befürchten: Wenn die betroffenen Straßen konsequent zur Fußgängerzone erklärt werden, bleiben auch die Stadtbusse draußen.

Man könnte auch fragen: Warum haben sich Einzelhändler und andere Gruppen nicht früher gegen diesen Versuch gestemmt? Warum also erst jetzt?
Weil die Informationen völlig an uns vorbeigelaufen sind. Das bestätigen mir auch viele meiner Kolleginnen und Kollegen. Ich räume ein, dass es sicher irgendwie und irgendwo Informationen zu diesem Versuch gegeben haben wird. Allerdings erwarte ich, dass eine Verwaltung, die solch tiefgreifende Maßnahmen plant, diese im Vorfeld auch offensiv und offen kommuniziert. Ich würde sogar voraussetzen, dass diese Verwaltung versuchen würde, die Menschen für ihre Ideen und Konzepte zu begeistern. Tut sie das nicht, wird sie deutliche Vermutungen und gute Gründe dafür haben.

Wie sähe eine perfekte Lösung aus?
Ich will gar nicht behaupten, dass ich die perfekte Lösung kenne. Aber wieso benötigen wir überhaupt eine? Hätte man die Verkehrssituation in der nun endlich fertiggestellten Innenstadt so belassen, wie sie war, und hätte man zusätzlich auch polizeilich so kontrolliert, wie man es jetzt tatsächlich tut, wären alle Beteiligten berücksichtigt worden und zufrieden gewesen.

Also alles auf Anfang?
Ebenso wenig wie die meisten anderen Einzelhändler der Innenstadt sperre ich mich grundsätzlich vor neuen Ideen und Impulsen. Man kann schließlich über alles sprechen. Entscheidend ist jedoch, dass Politik und Verwaltung bei all ihren Ambitionen nicht die aus den Augen verlieren sollten, die von den dann beschlossenen Maßnahmen tatsächlich betroffen sind.

Übrigens: Hier findet ihr einen weiteren Artikel zur neuen Verkehrssituation in der Innenstadt.

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