Der Sammler: Interview mit Redzep Memisevic

Interview Redzep Memisevic
Antje und Redzep Memisevic (Foto: Tautz)

Redzep Memisevic ist ein Sammler. Vor allem Inspirationen, Herausforderungen und Freundschaften haben es dem gebürtigen Serben schon immer angetan. Genug von alldem hat er noch lange nicht. Wir haben Redzep Memisevic und seine Frau Antje besucht. Was als schnelles Interview geplant war, wurde zum zweistündigen Kaffeeklatsch mit Pflaumenkuchen, Erinnerungen an die Aspe-Zeit und Rundgang durchs Haus. Es hätte gern noch länger dauern dürfen, doch der 83-Jährige wollte noch zum Qigong-Kurs.

Hallo Redzep, fangen wir vorn an. Wie bist du zur Malerei gekommen?
Ich habe immer gemalt. Schon als Kind habe ich jedes Blatt Papier, alle Zeitungen, die ich in die Finger bekam, und meine Schulhefte vollgemalt. Allerdings musste ich nach der Schule erst eine Schneiderlehre absolvieren, da ich als ältestes Kind meiner Eltern die Familie unterstützen musste.

Wie wurde aus dir der Maler?
In Abendkursen habe ich mich weiterhin intensiv mit der Malerei befasst. Schließlich bin ich 1961 in die Akademie der Bildenden Künste in Belgrad aufgenommen worden. Sieben Jahre habe ich dort studiert.

Scheinbar mit Erfolg …
Du musst das nicht schreiben, aber nach den Noten war ich der beste Student, den es bis dahin an der Akademie gegeben hatte. Allerdings gab es die Schule auch noch nicht so lange – nur dreißig Jahre.

Immerhin. Dann kam der Umzug nach Deutschland?
Genau. 1967 bekam ich ein Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst der Düsseldorfer Kunstakademie. So wurde ich Meisterschüler des bekannten Professors Karl Otto Götz, dessen Kunst von den Nazis einst verboten wurde.

Düsseldorf – ein Glücksfall für dich?
Aber ja. Ich wurde von den Besten gefördert und bekam über das Stipendium die drei Dinge, die für meine Kunst am wichtigsten waren: Eine finanzielle Unterstützung, ein Atelier und die Zeit für das Malen. Darüber hinaus habe ich in Düsseldorf die deutsche Sprache gelernt und unbewusst dafür gesorgt, dass ich meine Frau Antje treffen konnte.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Durch viele, viele Zufälle. Begonnen hat alles mit dem berühmten Historiker Wolfgang Leonhard, zu dessen Vortrag in Düsseldorf ich beinahe zu spät kam. Durch diese Fast-Verspätung bin ich zu Weihnachten desselben Jahres unerwartet in Wilhelmshaven gelandet, wo mir Antje zufällig in die Arme lief. Eine lange Geschichte.

Dann erzähl mal!
Ich war in einem Vortrag von Wolfgang Leonhard. Der Vortrag handelte zwar von Europa, aber ich habe einfach nur teilgenommen, um die deutsche Sprache zu hören und zu lernen. Zu diesem Vortrag kam ich etwas zu spät, sodass ich nur noch ganz vorn einen letzten freien Platz gefunden habe. Neben mir saß ein junger Mann, mit dem ich in der Pause ins Gespräch kam. Es stellte sich heraus, dass dieser junge Mann wie ich Kunst studierte und so freundeten wir uns an. Einige Tage später fragte mich Axel, so hieß er, ob ich nicht zu Weihnachten nach Wilhelmshaven kommen möchte, um mit seiner Familie zu feiern. Da wir in Jugoslawien kein Weihnachten gefeiert haben, sagte ich zu und fuhr über die Feiertage zu Axel. Auch nach den Feiertagen bin ich noch einige Tage bei seiner Familie geblieben, obwohl er selbst schon längst nach London abgereist war …

Antje Memisevic: Meine Eltern wohnten auch in Wilhelmshaven, zudem kannten sie die Eltern von Axel sehr gut. Als ich mit meiner Mutter am Neujahrstag spazieren gegangen mit, haben wir auf unserer Straßenseite eine frühere Lehrerin von mir entdeckt, die wir aber nicht so gern treffen wollten. Sie redete nämlich immer so viel und zu Hause wartete mein Vater mit dem Mittagessen. Also haben wir schnell die Seite gewechselt, wo wir Axels Eltern in die Arme liefen. Die hatten einen jungen Mann bei sich, den ich nicht kannte – einen Gast aus Jugoslawien.

Redzep Memisevic: Als ich nach dem Spaziergang wieder bei Axels Eltern zu Hause war, fragte mich seine Mutter, wie mir die junge Dame gefallen habe. Ich fragte, welche junge Dame sie meinte, denn ich hielt Antje aufgrund ihrer Größe noch für ein Kind. Axels Vater erklärte mir allerdings, dass Antje bestimmt schon 23 Jahre alt wäre. Zudem schlug er vor, ihre Familie zu besuchen. Da sagte ich, dass das eine gute Idee sei.

Als wir bei Antje eintrafen, hatte sie gerade Besuch von ihren Freundinnen. Und plötzlich saß ich zwischen drei heiratsfähigen jungen Damen – davon gibt es sogar noch ein Foto. In den folgenden Wochen nahmen die Dinge dann ihren Lauf …

Nach deiner Zeit in Düsseldorf ging es dann nach Bad Salzuflen? Ein harter Einschnitt, oder?
Gar nicht. Denn nach Düsseldorf kam erst noch Schleiden in der Eifel, wo ich an der Realschule Werk- und Kunstunterricht gegeben habe und mit Antje in die erste gemeinsame Wohnung gezogen bin. Mit 2.000 Einwohnern war Schleiden damals die zweitkleinste Kreisstadt in ganz Deutschland. Dagegen war Bad Salzuflen eine richtig große Stadt.

Dann aber …
Genau. Obwohl ich eigentlich von Schleiden nach Detmold gefahren bin, um mich für eine Realschule in Bielefeld zu bewerben, bin ich auf dem Gymnasium in der Hermannstraße gelandet. Also sind Antje und ich mit unserer ersten Tochter Beate nach Bad Salzuflen gezogen.

Wie lange hast du Kunstunterricht in Bad Salzuflen gegeben?
Von 1973 bis 2002. Zunächst in der Hermannstraße, dann im Schulzentrum Aspe. Seit achtzehn Jahren bin ich im Unruhestand. Ich male natürlich jeden Tag weiter, habe mittlerweile Karate und etwas Türkisch gelernt und bin schon sechsmal auf dem Jakobsweg gepilgert. Würde es Corona nicht geben, hätte ich im September meine siebte Pilgerreise nach Spanien unternommen. Jetzt spaziere ich halt so oft wie möglich zu Fuß nach Herford und zurück.

Sprechen wir über die Malerei! Weißt du immer schon, wie ein Bild aussehen wird, bevor du loslegst?
Selten. Ich weiß, welche Farben ich sehen möchte und wo die Figuren stehen sollen. Vieles lasse ich dann aber während des Malprozesses passieren.

Wer deine Bilder kennt, erkennt auch deinen Stil mit den leuchtenden Farben und den meist abstrakten Frauenfiguren. Bleibt man sich stilistisch bewusst immer treu oder kann man irgendwann nicht mehr anders?
Natürlich könnte ich auch anders malen. Aber ich will es nicht. An der Akademie lernt man zwei Jahre lang exakt und genau zu zeichnen. Zu Beginn nur mit zwei Farben, dann mit vielen. Als Künstler entwickelst du dann deinen eigenen Stil, perfektionierst und variierst ihn. Wenn ich heute male, muss ich nicht überlegen, ob ich die Figuren nur andeute oder ausmale. Mein Gefühl sagt mir, wie es für das Bild richtig ist. Das unterscheidet die Kunst vom handwerklichen Malen.

Realistisches Malen ist für dich demzufolge keine Kunst?
Wenn kein Gefühl dabei ist, dann ist es gutes Handwerk, aber keine Kunst. Goethe sagte mal: Wenn du einen Mops ganz genau abmalst, dann hast du zwei Möpse, aber kein Kunstwerk.

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Das meinen andere Leser zu "Der Sammler: Interview mit Redzep Memisevic":


schrieb am

Wie cool!
Ich habe den Artikel zufällig gelesen und vermute, dass es sich um meinen früheren Kunstlehrer im Gymnasium Aspe handeln muss. (Abi 2003) Er hatte diesen lustigen Akzent.
Kunst bei ihm hat mir sehr viel Spaß gemacht. Wir haben einen Frauentorso aus Gips gegossen- der steht bei mir heute noch im Bad als Dekoration.

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schrieb am

Ein sehr schöner Artikel, der euch beide sympathisch zeichnet. Wie schön, dass Ihr in Lippe gelandet seid.

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schrieb am

Sehr schönes Interview! Man merkt, dass es Interviewer und Befragtem Spaß gemacht hat.

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    schrieb am

    Lieber Georg,

    vielen Dank und du hast recht. Es hat Spaß gemacht.

    Viele Grüße
    Das Salzstreuner-Team

    Antwort an Georg Kälble