Voehl’s Welt: Salzuflen hat Husten

Voehls Welt März 2012

Von Uwe Voehl. Illustration von Ulrich Tasche.

Seit Günnis neues Hobby Toponomastik ist, sehe ich Bad Salzuflen mit neuen Augen. Abgesehen davon, dass ich vorher gar nicht wusste, was das überhaupt ist.

„Toponomastik“, erklärt Günnis Freund Macke mit leuchtenden Augen, „erklärt dir das Universum. Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?“

Macke stammt aus der Eifel und Günni hat ihn mir als Koryphäe der Toponomastik vorgestellt. „Unsere Vorfahren gaben den Städten Namen mit Bedeutungen. Und Toponomastik stellt diese Bedeutungen ins Scheinwerferlicht zeitgenössischer Sprachforschung. Wir Forscher bedienen uns dabei gern der Assoziation. Jeder kann sich so in den Dienst der Wissenschaft stellen.“

„Selbst Hüsni!“, behauptet Günni.

„Wenn er Schötmar hört, denkt er an Döner.“

„Du meinst, ein Vorfahre von Günni hat Schötmar entdeckt und nach einem Drehspieß getauft?“

„Es gibt in der Toponomastik nicht nur eine Wahrheit“, versucht mir Günni begreiflich zu machen.„Für mich zum Beispiel ist Schötmar mit Reizhusten, aber auch mit dem Niesen verwandt. Am Besten erwidert man darauf ein herzhaftes ‚Gesundheit!‘“

„Es geht um den Film im Kopf, der bei Menschen abläuft, wenn sie zum Beispiel Biemsen-Ahmsen hören“, erklärt Macke.

„Und wie heißt der Film?“, frage ich.

„Bei Biemsen-Ahmsen denke ich an eine intime Art zwischenmenschlicher Beziehungen. Biemser nennen es biemsen, Ahmser ahmsen. Obwohl es ähnlich ist, ist das Biemsen leidenschaftlicher, während es Ahmser bequemer angehen lassen.“

„Und Ehrsen-Breden?“

„Eine gemächliche Gangart, würde ich sagen.“

„Grastrup…?“ Allmählich macht mir die Sache Spaß!

„…ist das, was von einem Rasen übrigbleibt, wenn zwei Dutzend Fußball-Mannschaften darauf ein Turnier ausgetragen haben?“
„Hölsen!“ ruft Günni.

Macke kontert sofort: „DAS Hölsen ist beliebt bei Kindern und Erwachsenen: Aushöhlen von Brot oder Brötchen, um sich die Weichteile einzuverleiben. Erwachsene füllen gern die so entstandenen Löcher mit Wurst oder Mett.“

„Holzhausen?“, frage ich.

„Dort, wo viel Holz vor der Hütte ist. Andererseits: Schimpfwort à la Herrschaftszeiten!‘“

„Ist ja wirklich einfach“, erkenne ich. „Los, jetzt bin ich an der Reihe. Ihr dürft mich fragen!“

„Lockhausen?“

„Ein Ort, der als sehr gefährlich und dennoch verlockend gilt.“

„Retzen?“

„Bezeichnung für schmerzhaftes Hinsetzen auf einen spitzen Gegenstand.“

„Aua! Aber genial!“, lobt mich Macke. „Was habt ihr hier noch zu bieten?“

„Werl!“ Jetzt ist Günni an der Reihe:

„Großer Mann aus waldreicher Gegend‚ das ist ein Werl!.“

„Aspe?“

„Das, was im Tempo hängenbleibt, wenn man es nicht schnaubend auf dem Gehsteig entsorgt‘.“

„Und Wülfer?“

„Ein sehr großer Damenschlüpfer. Mindestens XL.“

„Bexten?“

„Ich würde sagen, eine bierselige Männerparty“, erklärt Günni.

„Und Wüsten liegt natürlich auf der Hand“, sage ich. „Krawall machen!“

„Nicht zu vergessen das Verb wüsten: Stürmischer Sex, das Gegenteil von ahmsen gewissermaßen.“

Plötzlich sind wir alle still. Bewusst haben wir uns um einen Begriff herumgedrückt.
Doch es muss sein.

„Was ist mit Salzuflen?“, frage ich zaghaft.

„Vornehme Bezeichnung für Verzeihung. Salzuffeln ausgesprochen“, erklärt Macke. „Aber auch traditionelles Schuhwerk von Bergleuten in Salzstollen. Oder Hustenbonbons…“ Macke müht sich. Ich seufze.

„Das habe ich befürchtet. Bad Salzuflen hat den Sprung in die Neuzeit verpasst.“

„Zumindest in Sachen Toponomastik“, bestätigt Macke.

„Sorry, aber zu Bad Salzuflen fällt selbst mir nichts Besseres ein.“

Mir leider auch nicht…

Kommentar verfassen

Das meinen andere Leser zu "Voehl’s Welt: Salzuflen hat Husten":


schrieb am

Knetterheide – uralter Begriff, der sich auf die Gewohnheit unserer Vorfahren bezieht, als es noch keine Wirtshäuser gab, die Frauen zurück an den heimischen Feuern zu lassen, um auf einer beschaulichen Lichtung fröhlich zu „knettern“. Knettern = fröhliches Besäufnis unter Männern, aber auch altgermanisches Würfelspiel.

Antworten

schrieb am

Einfach nur köstlich!
Mal schauen was die Kommunalpolitiker in den Ortsausschüssen dazu sagen werden, ich freue mich auf die Diskussionen und Beschlüsse.
Aber: Knetterheide muß unbedingt noch nachgeliefert werden.

Antworten