Die Elefanten
Sasha Filipenko
256 Seiten
Hardcover: 26,00 €
Roman
Diogenes


Die Elefanten erhält von uns:

5 von 5 Sternen

Der Elefant im Raum: Dem belarussischen Schriftsteller Sasha Filipenko reicht ein Dickhäuter längst nicht mehr aus, um auf die offensichtlichen, aber ignorierten Missstände der Gesellschaft hinzuweisen. Er bevölkert gleich eine ganze Stadt mit Elefanten. Überall tauchen sie auf, überall machen sie sich breit – und fast niemanden stört es.

Denn die Elefanten sind da. Einfach so. Sie stehen in Wohnungen, blockieren Straßen, drängen sich in den Alltag. Und niemand stellt die naheliegende Frage nach dem Warum. Stattdessen passiert etwas viel Beunruhigenderes: Man gewöhnt sich an sie. Man arrangiert sich. Die Regierung regelt, die Leute zucken mit den Schultern, und das Offensichtliche wird zur Kulisse.

Nur Pawel, ein Stand-up-Comedian, merkt, dass etwas nicht stimmt. Ihm, dessen Job es ist, unbequeme Dinge auszusprechen, wird genau diese Ehrlichkeit zum Verhängnis. Während alle anderen stillhalten, weigert er sich, die Realität wegzulächeln. Dadurch fällt er auf. Damit stört er das ruhige und scheinheilige Leben, in das sich auch seine geliebte Anna und deren angesehene Familie – mit besten Verbindungen nach ganz oben – eingerichtet haben. Pawels unerschütterlicher Nonkonformismus wirkt verdächtig – und gefährlich. Es muss etwas unternommen werden.

Filipenkos Elefanten als Parabel auf autoritäre Systeme zu verstehen, ist naheliegend. Doch dieser Ansatz greift zu kurz. „Die Elefanten“ ist auch ein Buch über Bequemlichkeit, Ignoranz und die vielen kleinen Kompromisse, die sich summieren. Über das schleichende Einverständnis mit Zuständen, die man eigentlich ablehnt.

So sind die sichtbaren Elefanten in dieser Geschichte selbstverständlich ein großes Problem. Doch diejenigen, die lernen, mit ihnen zu leben, machen es noch viel größer. Weil sie es zulassen, dass sich Normen verschieben und einst gelebte Werte an Bedeutung verlieren.

Filipenkos Roman ist eine Satire voller absurder Szenen, grausamer Momente und zahlreicher Deutungsangebote. Dieses Buch ist selbst ein Elefant. Und die eigentliche Frage ist nicht, wofür er steht. Sondern, wie lange man noch so tun kann, als wäre er nicht da.

Rainer Tautz

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