
Dann passiert das Leben
Regie: Neele Vollmar
Mit Anke Engelke, Ulrich Tukur, Lukas Rüppel, Maria Hofstätter, Markus Hering
122 Minuten
Drama
Majestic Filmverleih
Dann passiert das Leben erhält von uns
Wenn Anke Engelke in einem Film auftaucht, bringt sie automatisch eine große Erwartungshaltung mit. Zu präsent ist ihr komödiantisches Talent, zu beeindruckend ihre Fähigkeit, zwischen feiner Beobachtung, grotesker Überzeichnung und stillen Zwischentönen zu wechseln. Auch in Dann passiert das Leben zeigt sie genau diese Vielseitigkeit. Ihre Rolle wirkt anfangs beinahe wie eine Steilvorlage für eine weitere Facette ihrer bemerkenswerten (meist witzigen) Verwandlungsfähigkeit – irgendwo zwischen lakonischem Humor, Alltagsironie und jener präzisen Menschenbeobachtung, die Engelke so stark macht.
Doch die anfängliche Amüsiertheit beim Zuschauen weicht erstaunlich schnell einem anderen Gefühl: Traurigkeit. Konstanter Traurigkeit.
Nicht etwa, weil der Film nicht funktioniert, sondern weil er konsequent den Blick auf zwei Menschen richtet, die sich über Jahre hinweg verloren haben. Was zunächst wie eine leicht schräge Beziehungsgeschichte wirken könnte, entpuppt sich zunehmend als stille, manchmal schmerzhafte Betrachtung eines Paares, das zwar noch nebeneinander lebt, emotional aber kaum noch zueinander findet.
Der Plot entwickelt genau daraus seine Dynamik. Der Film erzählt von kleinen Eskalationen, feinen Haarrissen und schleichender Entfremdung. Kleine Gesten, Routinen, Gespräche voller Leere oder vorsichtiger Vorwürfe – all das verdichtet sich zu einem sehr alltäglichen und gerade deshalb glaubwürdigen Bild einer Beziehung, die irgendwo zwischen elektrischen Jalousien, Müdigkeit und unerfüllten Erwartungen feststeckt. Dass dabei vieles unausgesprochen in der Luft hängenbleibt, macht den Film oft stärker als jede dramatische Zuspitzung.
Und dann passiert doch tatsächlich das Leben – in Form einer Tragödie, die das Paar noch tiefer in die Krise stürzt und gleichzeitig so etwas wie ein Befreiungsschlag sein könnte. Man spürt plötzlich wieder etwas füreinander. Allerdings nicht auf eine gute Weise. Die Gräben werden noch tiefer ausgehoben.
Wie Engelke überzeugt auch Ulrich Tukur. Ihm nimmt man die Figur des Ehemanns Hans vom ersten Moment an ab: einen Schuldirektor, der in den Ruhestand verabschiedet wird und trotzdem (oder vielleicht auch gerade deshalb) noch nicht ganz aufgegeben hat. Auch wenn ihn die messerscharfen verbalen Attacken seiner Frau immer wieder neu verletzen.
Tukur spielt nicht theatralisch, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die den Eindruck erzeugt, man beobachte tatsächlich einen Mann, der sich weigert, sich selbst und seine Beziehung endgültig aufzugeben. Gerade dieses Unaufgeregte macht seine Darstellung so glaubwürdig – und eben auch wieder traurig.
Trotz aller Qualität hätte dem Film punktuell etwas mehr Leichtigkeit gutgetan. Nicht als Bruch mit der Ernsthaftigkeit, sondern als notwendiger Kontrast. Als Andeutung dafür, dass da noch etwas sein könnte – oder zumindest mal etwas war. Denn selbst die wenigen humorvollen Momente wirken hier häufig auf Kosten einer der beiden Hauptfiguren: selten befreiend, eher entlarvend. Dadurch bleibt kaum Raum zum Durchatmen. Vielleicht wäre die emotionale Wirkung sogar noch stärker gewesen, wenn der Film zwischendurch erlaubt hätte, dass seine Figuren für einen kurzen Moment wieder Menschen mit Wärme, Witz oder gemeinsamer Erinnerung sein dürfen. Aber das wäre vermutlich auch ein anderer Film gewesen.
Rainer Tautz