Foto Carsten Richner
Carsten Richner ist back in Germany und eröffnete kürzlich das Küchenstudio Your German Kitchen in der Innenstadt // Foto: ta

Der Salzufler Carsten Richner hat ausgerechnet zum zweiten Lockdown sein Küchenstudio Your German Kitchen in der Innenstadt eröffnet. Mit dem Konzept seines Unternehmens hat er bereits vor acht Jahren den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Dafür hat er sich geschäftlich an der Ostküste der USA niedergelassen. Im Rahmen unseres Interviews haben wir Carsten zu seinem außergewöhnlichen Projekt befragt.

Hallo Carsten, 2012 hast du dich in Sachen Küchen selbstständig gemacht. Warum bist du dafür in die USA ausgewandert?
Ausgewandert bin ich nicht, das wollte ich auch nie. Ich habe meinen Wohnsitz in Bad Salzuflen weiterhin behalten und meine Familie ist auch hiergeblieben. Für mich war es ein Pendeln über den Großen Teich. Den größten Teil des Jahres habe ich in Boston gelebt, circa alle acht Wochen bin ich für rund eine Woche nach Deutschland gekommen.

Und was hat dich dazu bewogen, dieses Projekt in den USA zu wagen?
Nach vielen Jahren als Angestellter in der Möbelindustrie war für mich der Zeitpunkt gekommen, etwas völlig Neues zu machen. Der Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber hätte nicht ausgereicht, das wäre zu ähnlich gewesen. Also musste die Selbstständigkeit her. Da ich als Tischler begann, später zum Kaufmann umschulte und dann viele Jahre als Küchenplaner eines großen Herstellers arbeitete, verfügte ich über einen umfassenden Blick auf die Branche. Daher wusste ich auch, dass es in Deutschland oder gar Europa schwer für einen jungen Küchenanbieter werden würde. Schließlich wird halb Europa mit deutschen Küchen eingedeckt. In den USA war das jedoch noch anders. Obwohl das Prädikat Made in Germany dort schon immer einen hohen Stellenwert hatte, sträubten sich namhafte Hersteller davor, dort deutsche Küchen anzubieten. Das war meine Chance …

Wie bist du vorgegangen?
Ein Bekannter aus den USA hatte mich auf die Tatsache hingewiesen, dass deutsche Küchenhersteller auf dem amerikanischen Markt keine große Rolle spielen würden. Also habe ich mir die Frage nach dem Warum gestellt. Dann bin ich mit diesem Bekannten für einige Wochen nach Boston gereist, um den Markt für deutsche Küchen vor Ort zu analysieren und zu verstehen. Die Stadt an der Ostküste war für uns optimal, weil die Flugzeiten dorthin noch erträglich sind und Boston nicht ganz so hektisch und groß ist wie New York. Zudem ist die Stadt sehr international und sogar europäisch geprägt. Ich entschied mich, es in Boston zu versuchen und nahm 2017 einen Geschäftspartner mit in das Unternehmen auf.

Wie war der Start?
2012 erlebten die USA die letzten Nachwehen der Lehman-Krise, die das Land vier Jahre zuvor erschütterte. Man merkte, dass die Talsohle durchschritten war und die Wirtschaft allmählich wieder auf die Beine kam. Viele Wettbewerber von uns waren nicht mehr da, sodass wir mit ersten Projekten eine Lücke füllen konnten. Wir haben das Projekt Your German Kitchen in einer sehr geschützten Atmosphäre nach und nach aufgebaut. Heute besteht das Team aus fünf Kolleginnen und Kollegen.

Was hat Your German Kitchen in den USA erfolgreich gemacht?
Wir haben Küchen aus deutscher Herstellung für den amerikanischen Markt geplant. Die Herausforderung bestand vor allem darin, unsere Lieferanten dafür zu gewinnen, dass sie Geräte und Umbauten in den US-Standardmaßen fertigten. Da in den USA alles in Inch statt in Zentimeter gemessen wird, ergeben sich auch ganz andere Dimensionen. Zudem muss in den USA jeder Backofen so groß sein, dass ein Thanksgiving-Truthahn hineinpasst.


Nun bist du wieder hier und überträgst das YGK-Konzept auf den deutschen Markt. Wie geht das?
Vieles von dem, was eine moderne amerikanische Küche auszeichnet, ist auch bereits hierzulande absolut angesagt. Generell kann man sagen, dass die Küche viel näher an den Wohnbereich herangerückt ist und dadurch auch optisch und funktionell mehr bieten muss. So gehört zum Beispiel eine Kochinsel sehr häufig dazu, wenn es die räumlichen Verhältnisse denn erlauben. Allerdings können wir auch für kleine Küchen sehr individuelle, solide und durchdachte Lösungen erarbeiten.

Wie wichtig ist noch die Beratung beim Küchenkauf? Schließlich kann man mittlerweile alles im Internet selbst konfigurieren und bestellen.
Natürlich macht das Internet auch vor dem Thema Küchen nicht halt. Trotzdem glaube ich, dass die Beratung, besonders bei wertigen Küchen, wichtig bleibt. Dadurch dass sich der Küchenbereich immer mehr zur Komfortzone entwickelt, nimmt auch die Ausgestaltung an Bedeutung zu. Vor allem Menschen, die einen Neubau planen, empfehle ich deshalb, sich schon vor der Planung des ganzen Hauses mit der Küche zu befassen. Wenn die nämlich mit allen Geräten und Schränken gut vorgeplant ist, muss man später keine Kompromisse eingehen, weil möglicherweise der Zuschnitt der Wohnung die Umsetzung nicht zulässt. Wenn wir konkrete Planungen erstellen, mit denen Architekten, Elektriker oder andere Handwerker arbeiten können, dann kostet das Zeit und Geld. Die Servicegebühr, die wir dafür berechnen müssen, wird beim Küchenkauf allerdings wieder abgezogen. Ich denke, das ist für beide Seiten absolut fair.

Noch einmal zurück in die USA. Hat dich die Zeit dort verändert?
Definitiv. Vor allem mein Blick auf Deutschland und seine Möglichkeiten ist völlig neu. Ich habe erkannt, wie gut wir in unserem Land leben können. Aber auch, wie gravierend sich die Mentalität der Deutschen von der Mentalität der US-Amerikaner unterscheidet.

Wie hast du die Trump-USA erlebt?
Natürlich habe ich auch die Stimmungen und Meinungen im Land eingefangen. Allerdings habe ich mich aus Diskussionen, auch unter Freunden, meist rausgehalten. Denn es hat nur Zeit und Nerven gekostet. Auch ich mag Trump nicht. Doch ich kann halbwegs verstehen, warum er solch eine große Unterstützung erhalten hatte – und immer noch hat. Wenn er nämlich America First propagierte, dann hat er genau genommen nur ausgesprochen, wie sich Amerika selbst sieht. Und sich schon immer gesehen hat. Für uns ist das schwer nachzuvollziehen, für viele Amerikaner allerdings selbstverständlich.

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