
Die Macht der Musik
Ullrich Fichtner
256 Seiten
Hardcover: 24,00 €
Sachbuch
DVA
„Die Macht der Musik“: Schon mit dem Titel seines Buches verrät der SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner, dass er ein großer Fan musikalischer Klänge ist. Seine Faszination begründet sich im Wesentlichen auf dem, was Musik mit uns macht. Sie „ver-rückt“ uns Menschen im wahrsten Wortsinn, indem sie ihre eigenen Regeln aufstellt und nach unergründlichen Mechanismen unsere Sinne berührt. Musik verbindet Menschen und löst zeitgleich Unverständnis aus. Sie ist ein Spiegelbild ihrer Zeit – und sie spielt dort ihre Stärken aus, wo Worte allein nicht reichen. Ullrich Fichtner hat es dennoch versucht.
Musik lässt sich unter gewissen Kriterien durchaus einordnen. Doch wozu? Um die Faszination, die sie auslösen kann, zu erklären, braucht es kein Schema. Und so schreibt Ullrich Fichtner auch vornehmlich als einer von unzähligen Fans – allerdings als einer mit herausragenden naturwissenschaftlichem und soziologischem Hintergrundwissen sowie mit viel Liebe für die feinen Nuancen. Wenn Fichtner referiert, dann formuliert er mit spürbarer Zuneigung – und mit Verständnis für die Vorliebe für jede künstlerische Spielart. Nahezu jede musikalische Richtung und Darbietungsform enthält für ihn etwas Wertvolles, auch wenn sie sich ihm selbst nicht immer direkt erschließt. Diese Haltung prägt das gesamte Buch. Dass der Autor das große deutsche Reizthema Schlager („ballaststofffreie Ware“) weitgehend umgeht, ist dabei durchaus clever (und wohltuend).
Musik erleben – Orte, Feste, Chöre
Immer wieder nimmt Fichtner spannende Perspektiven ein, aus denen die Musik als großes Ganzes unbekannte oder unbeachtete Facetten preisgibt. Wenn er über Mozart spricht, dann nicht, um sein Werk zu bewerten, sondern um zu zeigen, wie sehr sich unser Blick auf Musik verändert. Mozarts Musik ist für Fichtner kein weltfernes Monument der Hochkultur, sondern ein Phänomen ihrer Epoche – als Musik, die einst fast gewöhnlich wirkte und heute oft verklärt wird. Solche Gedanken stellt der Autor neben seine Beobachtungen zur Popmusik, die ebenfalls zwischen Kunst, Markt und Zeitgeist einsortiert werden muss. Musik wird von Fichtner nicht zeitlos, sondern zeitgebunden gedacht. Das macht sie lebendig.
Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen Ullrich Fichtner Musik in einen erlebten Kontext einbettet. Wenn er über Orte, Feste und besonders Chöre schreibt (über die Weltmusikmesse WOMEX, über das Montreux Jazz Festival, über Schloss Elmau und eine Chorprobe der Berliner Happy Disharmonists), wird Musik zum Ereignis, zur Verdichtung von Zeit, zur gemeinschaftlichen Erfahrung.
Und auch politisch ist das Buch. Ullrich Fichtner benennt nicht nur die „verbrannte Unschuld“ des deutschen Volksliedes durch die Aneignung der Nationalsozialisten, sondern auch die anhaltende dramatische Unterförderung der Musik, gemessen an ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Dass ein Gut, dessen positive Wirkung auf Gesundheit, Bildung und sozialen Zusammenhalt bestens belegt ist, strukturell so gering geschätzt wird, wirkt wie ein kollektives Verkennen seines Wertes. Musik wird gern genutzt – aber nicht ernst genommen.
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