Buch-Tipp: Ghostman // Roger Hobbs

Ghostman von Roger Hobbs

Ghostman von Roger Hobbs

4 Tage für ein Buch von 400 Seiten – nicht schreiben, sondern lesen – das ist für manchen Nichtvielleser ein Riesending. „Ghostman“ von Roger Hobbs reduziert diese Tage zu einem Konzentrat aus Gewalt und Spannung, Tempo und kalter Humorlosigkeit.

Um die Reduzierung und um ein Riesending geht es auch in dem Roman. Der Ich-Erzähler Jack Delton ist ein „Ghostman“; er wird gerufen, wenn es vor, während und nach einem Verbrechen keine Spuren geben darf. In perfekt antrainierter Metamorphose und maschinenähnlicher Kaltblütigkeit verwischt, verschleiert und trickst Delton, bis die Polizei und möglicherweiser auch andere Gegner seines jeweiligen Auftraggebers sämtliche Hinweise auf den Täter verloren haben. Danach macht er sich unsichtbar. Selbstverständlich ist auch der Name Jack Delton nur eines der zahlreichen Identitäten, die der „Ghostman“ erschaffen hat. Persönliche, soziale Bindungen interessieren ihn nicht, den Kick für das Leben holt sich Delton allein bei der perfekten „Auftragsabwicklung“.

Als eines Tages in Atlantic City der brutale und von langer Hand geplante Überfall eines Casino-Geldtransports in einem Blutbad endet und einer der beiden Junkie-Täter schwer verletzt aber mit der verplombten und sprengstoffgesicherten Beute flieht, wird der „Ghostman“ vom Drahtzieher des Coups gerufen. Diesem schuldet Delton noch einen Gefallen, da der einzige dunkle Fleck in seiner makellosen Gangsterkarriere dem Jugmarker einst viel Geld und einiges an „Personal“ gekostet hatte.

„Ghostman“ ist Kino in Buchstaben. Allerdings nicht das Kino der Gefühle. Die Schnitte, die im Film das Tempo anziehen, setzt Hobbs im Buch mit messerscharfen, kurzen Sätzen und 60 kompakten Kapiteln – meist mit Cliffhanger. Als Ich-Erzähler verliert Hobbs keine Zeit durch die Beschreibung von Gefühlen oder ähnlichen Regungen. Was passiert, ist das, was Delton sieht. Mit seinen Augen – und mit seinem Wertesystem, das sich allein auf die Koordinaten „nützlich“ und „nicht-nützlich“, „gefährlich“ und „nicht gefährlich“ beschränkt. Nach eigenen Aussagen tötet Delton nicht gern, er hat aber auch keinerlei Skrupel, wenn es nützlich (s. o.) ist. Erst auf der letzten Seite des Romans, wird Deltons „ganzer Körper von einer erstaunlichen Erregung erfasst“. Wodurch, wird hier nicht verraten.

Trotz (oder vielleicht auch wegen) aller Kaltblütigkeit und der einen oder anderen Vorhersehbarkeit ist „Ghostman“ ein unglaublich fesselnder Thriller, der auf der ersten Seite Fahrt aufnimmt und dieses Tempo bis zum letzten Buchstaben beibehält. Der 24-jährige Roger Hobbs schreibt bereits an der Fortsetzung des „Ghostman“. Und außerdem an einem Drehbuch für Warner Bros. Wen wundert´s?

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